Reisen statt schleppen

Von Martin Etter

Es reist sich besser mit leichtem Gepäck singen Silbermond. Ich reise mit einem kleinen Rucksack und habe dennoch alles dabei was ich brauche. Der Rucksack wiegt leer gerade mal 240 Gramm und auf dem Rücken trage ich maximal zwei bis drei Kilo. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich für eine Woche ans Meer fahre, für einen Monat nach Skandinavien reise oder in den Bergen wandere. Und wenn ich nur für ein oder zwei Nächte unterwegs bin, dann gerne auch komplett ohne Gepäck – «no bag travel» nennt sich das. Wie das geht, verrate ich Ihnen gern.

Mit kleinem Gepäck unterwegs

Immer wenn ich im Zug sitze und am Flughafenbahnhof vorbeikomme oder bei Ferienbeginn mit meinem leichten Rucksack durch den Hauptbahnhof schlendere, staune ich über die riesigen Gepäckstücke mit denen die Leute unterwegs sind. Mit Mühe hieven sie ihre riesigen Koffer ins Abteil und dazu noch mindestens einen zusätzlichen Rucksack oder eine Handtasche. Und ich frage mich, wohin die Leute wohl auswandern. Dabei geht es bloss für zwei Wochen auf die Kanarischen Inseln oder für ein paar Tage ins Tessin. Wieviel leichter und unbeschwerter ist es, ohne Ballast unterwegs zu sein. Einfach vorbei an den Schlangen beim Check-in, vorbei am Gepäckband und auch in der Bahn auf die Schnelle seinen Platz finden.
Wie soll das gehen? Ich brauch doch alle meine Sachen! Aus Erfahrung weiss ich, man braucht sie nicht. Es geht viel leichter als man denkt.
Zurzeit befinde ich mich auf einer dreiwöchigen Reise auf die Färöer. Meine Reise führt mich mit der Bahn nach Hirtshals und von dort mit der Fähre nach Torshavn. Hier lebe ich in einer Airbnb-Wohnung und erkunde die 18 Inseln im Nordatlantik – mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, mit Fähren und zu Fuss.
Wie soll das gehen mit so wenigen Kleidern und 2 Kilo Gepäck? Die Zauberworte heissen Merinowolle und eine gut durchdachte Packliste. Was sind denn die Vorteile von ultraleichtem Reisen? Und gibt es auch Nachteile?

Es reist sich leichter …
Der grösste Vorteil ist das Gewicht. Ob zwei oder zehn Kilo auf dem Rücken zu tragen, macht einen Unterschied. Denken Sie an einen Rollkoffer oder eine Sporttasche. Der eine macht Lärm und ist nur mühsam durch die Strassen zu ziehen, die andere ist unbequem zu tragen. Und mit beidem wird man sofort als Tourist taxiert. Kleine Tagesrucksäcke hingegen gehören zum allgemeinen Strassenbild, auch weitab der Touristenströme.
Ein weiterer Vorteil ist die Unbeschwertheit. Nie muss ich eine Tasche im Gepäckfach am Bahnhof deponieren, nie als erstes vom Bahnhof ins Hotel. Gleich nach der Ankunft kann ich in die Umgebung eintauchen. Und ich habe immer alles griffbereit. Genau das, was ich wirklich brauche und nichts was unbenutzt wieder nach Hause reist.
Natürlich hat diese Art des Reisens auch den einen oder anderen kleinen Nachteil. Meine Kleider muss ich gelegentlich im Lavabo der Unterkunft waschen, die Unterwäsche jeden Abend. Aber es sind Sachen, die in ein paar Stunden trocknen. Auch die T-Shirts oder mein Hemd trocknen über Nacht, genau wie die Jeans.
Der zweite Nachteil ist, dass man immer dasselbe trägt. Abwechslung ist nicht drin. Aber ich trage Kleider, in denen ich mich zu hundert Prozent wohlfühle und die ich auch ins Restaurant oder zu einem Konzert anziehen kann. Zudem lohnt es sich, sich vorher schlau zu machen, welche klimatischen Bedingungen vor Ort herrschen.

Man braucht nur wenige Dinge beim Reisen.

Waschen kann man unterwegs
Aber nun zu meiner Packliste. Merinowolle macht es möglich so zu reisen und nicht bereits nach einem Tag zu müffeln. Keine andere Faser hat diese Eigenschaft. Baumwolle stinkt sehr schnell, ebenso Funktionskleider aus Kunstfasern. Normale Sport- und Wanderkleidung? Vergessen Sie es!
Merinowolle bietet von Natur aus viele Vorteile. Sie kratzt nicht, sie ist atmungsaktiv, sie ist temperaturregulierend – kühlt im Sommer und wärmt im Winter und sie bildet keine unangenehmen Gerüche. Merinowolle speichert Feuchtigkeit, ohne sich feucht anzufühlen und wärmt auch in feuchtem Zustand. Sie transportiert Schweiss nach aussen und knittert nicht. Zudem hat Merinowolle einen natürlichen UV-Schutz.
Auf meinen Reisen trage ich ein T-Shirt und ein Long-Shirt aus Merinowolle (von seagale und kaipara). Auch die Socken sind aus Merinowolle. Die Shirts muss ich auch nicht jeden Tag waschen. Man kann sie problemlos drei, vier Tage lang tragen ohne dass man zu stinken beginnt. Natürlich hilft es, wenn man jeden Tag duscht und einen Deo nutzt. Als Hose habe ich mir eine Jeans gekauft, die aussieht wie eine Jeans, aber aus Nylon und Elastan besteht. Diese Hosen sind sehr bequem und trocknen nach dem Waschen über Nacht. Und vor allem sieht man damit nicht aus wie ein Tourist. Ich kann mit dieser Hose wandern und ins Restaurant gehen. Natürlich können Sie auch eine leichte Reisehose anziehen. Schauen Sie aber darauf, dass sie keine Baumwolle enthält. Es geht sonst ewig, bis sie trocken ist.
Unterwäsche gibt es auch aus Merinowolle, sowohl für Männer wie auch für Frauen (auch BH’s gibt es in Merino). Die Unterwäsche wird zusammen mit den Socken jeden Abend vor dem Schlafen gehen gewaschen. Und am nächsten Morgen kann man sie trocken wieder anziehen (wie das geht, steht weiter unten).
Die gleichen Teile kommen noch einmal mit in den Rucksack – falls man mal keine Möglichkeit hat zu waschen. Meist packe ich noch ein Hemd mit in den Rucksack. Es besteht zwar aus einer Kunstfaser, aber das Hemd ist speziell geruchshemmend ausgerüstet. Aber auch Hemden gibt es heute aus Merinowolle. Eine Softshelljacke und ein Woll-Buff-Schal komplettieren das Ganze. Im Winter kann die Softshelljacke mit einer Winterjacke getauscht werden. Und sollte es regnen, ist eine ultraleichte Regenjacke und ein selbst genähter Regenrock im Gepäck (oder eine leichte Regenhose). Und die Badehose? Ich packe eine Radlerhose ein, die ich problemlos als Badehose nutze. Sie ist auch ideal beim Wandern, um Reibungen zu vermeiden. Natürlich packen Sie Ihre Badehose (oder Frauen ihren Bikini) mit ein, wenn sie Badeferien machen – das hat problemlos Platz.

Nur so gross wie nötig
Und alles zusammen kommt in einen kleinen wasserdichten Rucksack. Der Rucksack ist der Angelpunkt um den sich das Ganze dreht. Sicher haben Sie schon mal von Cyril Northcote Parkinson gehört. Na ja vielleicht nicht von ihm selbst aber von seinem Gesetz. Das Parkinson’sche Gesetz besagt, dass sich die Arbeit so ausdehnt, wie für deren Erledigung Zeit zur Verfügung steht. Wenn Ihr Chef Ihnen acht Stunden Zeit gibt, um eine Aufgabe zu erledigen, werden Sie auch acht Stunden dafür brauchen. Aber wenn er Ihnen sagt, dass Sie nach Hause gehen können, wenn Sie die Aufgabe in zwei Stunden erledigen, werden Sie sicher einen Weg finden das zu tun. Genauso werden Sie, egal wie gross Ihre Tasche ist, immer einen Weg finden, sie zu füllen. Deshalb rate ich Ihnen, einen möglichst kleinen und leichten Rucksack auszuwählen (ich verwende schon seit mehreren Jahren den Cloudburst 15 von Exped).
An den Füssen trage ich knöchelhohe Lederschuhe. Sie haben eine gute Profilsohle und entsprechend gepflegt, sind sie nahezu wasserdicht. Also ideal zum Reisen und Wandern. Trotzdem kann ich die Schuhe ohne Weiteres auch im Restaurant oder im Konzertsaal tragen. Alternativ können Sie auch wasserfeste Freizeitschuhe tragen. Aber nehmen Sie nie mehr als ein Paar Schuhe mit. Denn Schuhe sind schwer und brauchen viel Platz. Wenn Sie in den Süden oder in die Tropen reisen, haben vielleicht noch ein leichtes Paar Flip-Flops oder Sandalen im Rucksack Platz. Aber denken Sie daran, dass dann die schweren Schuhe in den Rucksack wandern.

Nur mitnehmen, was man wirklich braucht.

Für eine Reise mit minimalem Gepäck müssen Sie nicht gleich alles neu kaufen. Tasten Sie sich an dieses leichte und befreite Reisen heran. Schauen Sie darauf, dass alles wenig wiegt und vor allem schnell trocknet. Aber kaufen Sie sich mindestens ein gutes Shirt aus Merinowolle. Die sind nicht billig, aber jeden Franken wert. Ich besitze auch keine speziellen Kleider fürs Reisen. Alles was ich dabei habe, nutze ich auch im Alltag.
Bei den Kleinteilen für die Köperpflege und das technische Equipment achte ich darauf, dass ich wirklich nur das mitnehme, was ich brauche und nichts anderes. Falls Sie nicht gerade im Urwald unterwegs sind, können Sie fast alles vor Ort kaufen. Ich packe nur die heute überall erhältlichen Kleinmengen ein. Zum Waschen nehme ich ein kleines Stück Olivenölseife. Duschmittel und andere Kleinigkeiten sind in Hotels Standard. Auch das Handtuch können Sie zuhause lassen.
Geniessen Sie lieber das leichte Reisen, als auf jede Eventualität vorbereitet zu sein. Und glauben Sie mir, es interessiert niemanden, ob Sie immer die gleichen Sachen tragen. Und wenn doch, stehen Sie darüber. Sie reisen nicht auf dem Laufsteg.
Ach ja, und wenn ich nur zwei oder drei Tage unterwegs bin, dann packe ich meinen kleinen Kulturbeutel, Geld und Karten in meine Jacke – dazu mein Smartphone mit Ladekabel und eine zusammengerollte Unterhose. Waschen kann ich heute Abend im Hotel.

(Hier geht’s zu meiner Packliste)

Kleider über Nacht trocknen lassen

Wenn Kleider über Nacht schnell trocknen sollen, reicht es nicht, sie nur auszuwringen und aufzuhängen. Man muss so viel Feuchtigkeit wie möglich herausbringen bevor man die Shirts, Hosen, Unterwäsche oder Socken in trockener Umgebung aufhängt – am besten auf einem Kleiderbügel .
Dazu legt man das Kleidungsstück flach auf ein Frottiertuch, schlägt dieses ein und rollt es eng auf. Dann steht man am besten noch auf diese Rolle. Anschliessend ist die Wäsche nur noch feucht und trocknet über Nacht.